Wo ist die Wahrheit geblieben?

Meinungen haben viele Funktionen, doch sie haben eine Funktion nicht: wahr zu sein. Das, was wahr ist, wird erst sichtbar, wenn wir bereit sind, uns selbst in die Betrachtung miteinzubeziehen.

Wo ist die Wahrheit geblieben?
Es gab eine Zeit, in der ich mit meiner Familie keinen Kontakt hatte, weil es mir nicht gelang, meine Wahrheit – eine neue Sicht auf alteingesessene Familienthemen – so zu kommunizieren, dass sie von den Familienmitgliedern angenommen werden konnte. Wie auch immer ich es versuchte, die Beweggründe für mein ungewohntes Verhalten kamen bei niemandem an. Aus dieser Erkenntnis heraus begann ich, Erklärungsimpulse, die aus mir hochschießen, zu stoppen und Meinungen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Mir war klargeworden, dass sie mich nicht zu dem führen können, was ich wirklich will: Frieden, Sicherheit, Freiheit, Freude.

 

Um mich weiterhin darin zu üben und einen guten Umgang mit den vielen „Wahrheiten“ zu finden, die mir tagtäglich begegnen, verfolge ich hin und wieder Postings, Artikel und Meinungen zu aktuellen Themen. Und dann frage ich mich das eine oder andere Mal, was wohl passieren würde, wenn ich zu dem Thema eine Meinung abgebe, dem Impuls nachgehe, etwas beizutragen. Die Antwort darauf ist immer dieselbe: Nichts! Nichts würde passieren. Nichts, was den Verlauf von Diskussionen oder Prozessen im Sinne meiner Stellungnahme nachhaltig beeinflussen könnte. Umso mehr würde sich für mich tun: Ich würde mich aufregen, würde mich ärgern, wäre tagelang mit dem Für und Wider beschäftigt. Ich würde auf zustimmende Reaktionen von anderen hoffen, darauf warten, was andere sagen. Und dann müsste ich dranbleiben, wieder und wieder etwas sagen oder schreiben, weil ich Angst hätte, nicht verstanden oder missinterpretiert zu werden. Ich hätte viel zu tun, würde dazugehören – zu was auch immer. Und, was für mich das Wichtigste wäre: Ich würde die Welt retten!! Und die Wahrheit? Die wäre natürlich auf meiner Seite, denn ich wäre die Gute. So würde ich das sehen, davon würde ich ausgehen. Schließlich liegt doch die Wahrheit immer im Auge des Betrachters. Und das wäre in diesem Fall ich.

 

Klingt doch alles sehr unterhaltsam. Warum habe ich dieses Spiel bloß beendet? Es ist mir zu anstrengend geworden, zu zeitraubend, zu aufwändig, zu außenbestimmt. Außerdem ist mir bewusstgeworden, dass es beim Kundtun von Meinungen gar nicht um die Wahrheit geht, sondern vielmehr um die Unterhaltung, um den emotionalen Kick und um das Bedürfnis nach Sicherheit, an die man so nicht herankommt. Erdachtes und selbstkreierte Sensationen führen nie und nimmer zur Wahrheit. Die Wahrheit ist woanders zu Hause. In mir. In dir. In einer gedanken- und emotionslosen Weite, die kein Gegenteil kennt.

 

Wir können – egal worauf wir uns beziehen – nie an die Wahrheit herankommen, solange wir sie mit Hilfe von Gedanken und Emotionen suchen. Sie liegt hinter allen derartigen Versuchen und hat nichts mit (allzu) menschlichen Kreationen zu tun. Meinungen wie sie auf Facebook, in Medien und in anderen Foren kundgetan werden, haben viele Funktionen, doch sie haben eine Funktion nicht: wahr zu sein.

 

 

Wahr ist vielmehr, dass wir nicht das Gemalte sind, sondern der Maler/die Malerin, dass wir nicht das Gestaltete sind, sondern die Gestalter. Wahr ist, dass alle Gedanken, alle Produkte, alle Handlungen und Beobachtungen Ergebnisse eines freien Spiels sind, Kreationen, mit denen wir immer ein gewisses Ziel, eine gewisse Absicht verfolgen, egal ob bewusst oder unbewusst.

 

Niemand kann in einer Sache einen rein sachlichen Beitrag leisten, auch wenn er aufrichtig annimmt, das zu tun. Das geht gar nicht. Jeder Handlung liegt eine Annahme zugrunde, jede Annahme ist subjektiv gefärbt durch die jeweilige Geschichte der Person. Es gibt keine Wirklichkeit ohne Beobachter, folglich ist jede Wirklichkeit ein Ergebnis subjektiver Beobachtungen und Interpretationen.

 

Jeder Meinung, jeder Haltung und jeder Überzeugung liegen – unbewusst und bewusst – menschliche Bedürfnisse, Ziele und Absichten zugrunde, die mit der Sache an sich manchmal nur sehr wenig zu tun haben. Wir wollen uns aufregen, wir wollen unseren Ärger loswerden, wir wollen dabei sein und zeigen, dass wir auch etwas zu sagen haben. Wir wollen alles Mögliche.

 

Doch wie kommen wir dann an die Wahrheit heran und was ist überhaupt wahr? Stell dir folgendes Experiment vor: Jemand, der zum Beispiel sagt: „Ich finde, dass man Politikern heutzutage nichts mehr glauben kann!“, würde dazu noch ergänzen, was genau er damit ausdrücken will. Zum Beispiel: „Ich bin gerade sehr zufrieden mit mir, weil ich das immer schon geahnt habe. Ich kann mich auf mein Gefühl verlassen. Ich bin nicht wie viele, die alles glauben, was man ihnen sagt! Ich bin etwas Besonderes. Ihr dürft mir applaudieren.“

 

Wäre sich die Person in diesem Beispiel bewusst darüber, was genau sie mit dem Kundtun ihrer Meinung bezweckt und hätte sie auch noch den Mut, es auszudrücken, käme sie sich selbst und somit der Wahrheit ein gutes Stück näher. Wahrheitssuche ist zugleich auch die Suche nach sich selbst. Die Wahrheit kann nicht in einem Gedanken, in einer Meinung eingefangen werden. Sie hat keine Form, keinen Inhalt. Sie ist. Du kannst dich ihr nur intuitiv nähern, niemals mit Hilfe eines Gedankens. Meinungen zu haben und sie kundzutun, ist ja nicht an sich „falsch“. Sich hinter ihnen zu verstecken, sich mit ihnen zu identifizieren und sie für wahr zu halten, führt aber nicht dorthin, wohin du damit möglicherweise hinwillst: zur Freude, zur Sicherheit, zur Freiheit.

 

Willst du an deine Wahrheit herankommen? Du kannst das üben, wenn du loslässt von dem Gedachten, dem Gesehenen, dem Beobachteten mit Fragen wie: Wer denkt das? Wer sieht das? Wer beobachtet das? Wer ist diese Instanz? Von wo aus ist es mir möglich, draufzuschauen, das Erlebte als ein Produkt, eine Erfahrung, als einen Gedanken wahrzunehmen? So wie der Maler ein Bild malt und weiß, dass er nicht das Bild ist, dass er es geschaffen hat und jederzeit eine neue Leinwand nehmen kann, um ein anderes Bild zu malen. Und dass er, wenn er keine Lust mehr hat, den Pinsel hinlegen kann und sich etwas anderem zuzuwenden. Frage dich immer, wer ist die, die sieht? Wer ist die, die weiß? Wer ist die, die hinter allem steckt? DAS bist du! Das ist deine Wahrheit. Das ist DIE Wahrheit.

Verwandte Beiträge

Antworten

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.